Cracked iPhone Applications II: Die Cracks, der Tod und die Steuern

Ein SDK fürs iPhone, Bild: Apple

Es scheinen drei Dinge von vollkommener Unvermeidlichkeit zu sein: mit dem Tod und den Steuern hat sich die Menschheit mehr oder weniger abgefunden, die Cracks scheinen hingegen immer noch ein irgendwie lös- oder änderbares Problem zu sein. Nach der gestrigen Einleitung soll heute dargestellt werden, warum mit einer „Lösung“ nicht gerechnet, sie im Fall der App Store-Kopien nicht einmal wünschenswert ist, – mit dem Vorbehalt, dass eine sehr subjektive Sicht der Dinge folgt. Dieser wiederum folgt demnächst eine – ebenfalls durchaus subjektive – Gegenstimme vom iPhone-App-Entwickler Andreas Heck.

Disclosure: ich nutze mit wachsender Begeisterung ein gehacktes (1st Gen.) iPhone und habe mir schon seit einiger Zeit vorgenommen, endlich mal eine gehackte App zu installieren, kam aber bis heute nicht dazu. Generell sehe ich mich auf der Skala „Urheberrechtskontrolle vs. Freiheitsrechte“ weit im letzteren Feld verortet (womit ich auch die gewählte Terminologie der „Freiheitsrechte“ begründet wissen will).

Um mit diesen anzufangen: Apple fährt bereits eine sehr restriktive Linie – was zugelassene Apps angeht wie auch die Nutzungsmöglichkeiten bei Apples Geräten. Das beginnt bei restriktiven (und in Deutschland teilweise ungültigen) AGB, die dem User vorschreiben, was er mit gekauften Produkten machen kann, das endet bei der App Store-Politik, die oft mehr mit „öffentlicher Moral“ und „gutem Geschmack“ zu tun haben scheint als mit rechtlichen oder ökonomischen Aspekten. Die Haltung zum Jailbreak und Alternativen zum App Store ist hinlänglich bekannt.

Dem gegenüber steht die Errungenschaft Apples, einen Micropayment-Markt etabliert zu haben, der zum ersten Mal in diesem Maßstab erlaubt, Apps zu Centpreisen anzubieten und damit auch ein Auskommen zu finden. Die diversen App Store-Erfolgsgeschichten sprechen für sich. Ganz subjektiv: diesen ersten nennenswerten Markt im Netz, in dem es vollkommen normal ist, nebenbei 79 Cent auszugeben, halte ich für folgenreicher und wichtiger als die Smartphone/App Store-Idee selber.

Zurück zum eigentlichen Thema: Die Gefahr in Sachen App Store ist nun, dass eine noch restriktivere Haltung Apples in Sachen Apps und iPhone-Nutzung naturgemäß zu noch stärkeren Einschränkungen bei den iPhone/App-Nutzern wie auch bei den Entwicklern führt. Diese Einschränkungen sind jedoch zu vermeiden, da sie erfahrungsgemäß mitnichten höhere Umsätze bei App Store-Entwicklern zur Folge haben. Für den Gedanken „Zumindest können sie die Apps nicht mehr umsonst nutzen“ ist dieser Preis ziemlich hoch, auch wenn man diesen gerne denken mag. Bereits jetzt sind die Restriktionen Apples nicht mehr unbedingt nachvollziehbar oder befinden sich im offenen Widerspruch zu nationalem Recht in nicht unbedeutenden Märkten Apples. Die technischen „Risiken und Nebenwirkungen“ solcher Maßnahmen nenne ich der Vollständigkeit halber, die kennt jeder, der sich schon mit CD-Kopierschützen herumgeärgert hat. Kurz gesagt: mir graut vor einem „Eingreifen Apples“ auf technischer Basis.

Dass man bestimmte Nutzergruppen schlicht nicht zum Kauf prügeln kann, sollte nach Jahren und Jahren der „Pirateriediskussion“ allmählich bekannt sein. Allzu gerne werden Kopien mit entgangenen Einnahmen gleichgesetzt, werden alle Probleme und Marktschwierigkeiten auf das Kopierproblem geschoben, die oft genug vollkommen trivial sind – am Markt herrscht auch Wettbewerb der Bezahlangebote untereinander, die Brieftaschen der Kunden sind nicht endlos gefüllt, und nicht jede EUR0,79-App macht den Weg frei zum fixen Einkommen. Der Hype um App Store und iPhone suggeriert gelegentlich anderes, aber nicht jede App erreicht überhaupt die Bekanntheit und die Verkaufszahlen, um zum Big Thing zu werden. Dafür reicht, wie Stromcode schreibt, nicht einmal unbedingt eine Platzierung in den oberen zweistelligen Verkaufsrängen im App Store.

Nicht jeder wird so ein interessantes Umdenken bei den „Piraten“ beobachten können, wie es iCombat-Entwickler Miguel hier beschreibt – dass man einen „Piraten“ höflich anschreibt, ihn auf die Problematik anspricht und nach Alternativen/Verbesserungsmöglichkeiten fragt, wird a) selten die Zeit da sein und b) selten die Reaktion so interessant werden: statt einem Freeloader hat man auf einmal einen Verbündeten in Sachen Werbung. Das wird selten passieren, aber immer mal wieder – vielleicht auch im Rahmen dieser Diskussion. Vielleicht braucht es nur ein paar Aktionen dieser Art, um einige Freeloader zu den Handykaufberatern der Eltern zu machen, die sich dann wiederum lieber an den App Store halten. Und die Biografien zahlreicher „Kiddies“ dürften so aussehen, dass die Sauger von früher die Heavy User von heute sind, mit Expertenstatus im Freundeskreis.

Mancher Schüler mit leerem Geldbeutel und zuviel Zeit wird never ever mit Restriktionen und Drohungen zum zahlenden Kunden „bekehrt“ werden (das Gegenteil dürfte häufiger passieren), so mancher wird es aber mit den Sachzwängen der späteren beruflichen Existenz. Manche möglicherweise früher, manche werden möglicherweise auf andere Weise zum „Verbündeten“, wenn vermutlich auch selten mit dem von Miguel beschriebenen Engagement. Man kann aber sicher sein, dass keine Softwarerestriktion der Welt den dort beschriebenen Kopierer zur Zahlung auch nur eines Cents getrieben hätte.

Fazit:

Ein Nutzen weiterer technischer Maßnahmen Apples ist nicht zu erwarten und dürfte dem ohnehin eher restriktiven Image der Apple-Plattform weitere Nahrung geben Die Erfahrungen aus den bisherigen „Kopierschlachten“ der Musik- Film- und Softwarebranche sind eindeutig: Restriktionen waren bisher immer ein Hemmschuh insbesondere der legalen Märkte, siehe DRM/Kopierschutz, und wurden bzw. werden sukzessive abgeschafft (unter anderem von Apple). Für den Kollateralschäden bei legitiomen Nutzern, für höheren Ressourcenverbrauch auf Entwicklerseite, auf Seiten Apples und auch bei der Hardware erkauft man keinen bis negativen Nutzen. Selten genug ist Nichtstun nicht nur angenehm, sondern auch sinnvoll: aber Nichtstun ist hier definitiv die beste Lösung zumindest für Apple.

Dieser (durchaus subjektive) Kommentar ist Teil einer dreiteiligen Serie zur App Store-Piraterie: den Stand der Dinge stellte der gestrige Text „Cracked iPhone Applications I: Entwickler hoffen auf Apple“ vor, morgen folgt ein ebenfalls durchaus subjektiver Kommentar vom direkt betroffenen App-Entwickler Andreas Heck/der.heckser mit der „Entwicklersicht“ der Dinge.

Mehr über rj:

Berufsbedingt auf iPhone und Macbook Pro gewechselt und pflegt seitdem ein stetig wachsendes Faible fürs iPhone wie auch eine gewisse Distanz zum Macbook. Nutzt ungeniert auch Linux und Windows, was ihn nicht davor schützt, gelegentlich Fanboy geschimpft zu werden.

Metadaten
  • Geschrieben am: 28. Mai 2009
  • Zuletzt aktualisiert am: 19. März 2021
  • Wörter: 895
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  • Lesezeit: 3 Minuten 53 Sekunden