#PinkyGloves, oder wenn das Internet uns erzieht

Erziehung durch das Internet ist …, Bild: suju-foto (CC0)

Vieles, was in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ vorgestellt wird, landet, wenn es tatsächlich produziert wird, irgendwann auf dem Grabbeltisch. Die Nachhaltigkeit der dort gezeigten Produkte ist oft nur wenig länger als die Halbwertszeit vieler Geduldsfäden der Generation Internet. Die Medienwissenschaft weiß, und Marketingfirmen setzen es um: Lange Rede, kurzer Sinn kann man sich heutzutage nicht mehr erlauben. Was aber im Fall von #pinkygloves zutage tritt, ist ein Ergebnis der Erziehung durch das Internet. Ein Kommentar.

Zunächst: Worum geht es eigentlich? Zwei Gründer stellen in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) eine „Erfindung“ vor. Sie nennen Einmalhandschuhe in der Farbe Rosa „PinkyGloves“. Sie sollen Frauen dabei helfen, während der Menstruation hygienischer Tampons oder Slipeinlagen und Binden zu entsorgen. Schon während der Ausstrahlung der Episode kommt es in sozialen Medien zu Kritik. Eine Woche nach der Ausstrahlung kündigen die Gründer an, das Produkt vom Markt zu nehmen. Sie hätten verstanden.

Tatsächlich wurden sie aber lediglich eingeschüchtert und bedroht.

Smartphone sei Dank: Wenn das Internet uns erzieht

Das Smartphone ist heute der Katalysator für das Leitmedium schlechthin. Es hat dem Internet sozusagen zum Durchbruch verholfen. Denn wenn selbst Großmütter und Großväter sich mit Freunden und Bekannten animierte GIFs und Kettenmails auf WhatsApp senden, kann man dieses Medium nicht mehr ignorieren.

Hashtags sind Teil der Fernsehlandschaft geworden, in Talkshows werden Beiträge Nutzern und Nutzerinnen auf sozialen Medien eingeblendet. Manche von Ihnen dürfen sogar live zu Wort kommen, und werden via FaceTime, Skype, Zoom oder einen anderen Dienst in das laufende Programm geschaltet. Das Fernsehen, so scheint es, hat die Wichtigkeit des Internets erkannt. Tatsächlich hat das Fernsehen aber nur Angst vor dem Medium und möchte nicht abgehängt werden.

Aber das Internet selbst, also die Gesamtheit aller Nutzerinnen und Nutzer, tut sich damit noch schwerer. Alle verleugnen die Wichtigkeit dieses Mediums und sind sich der Verantwortung nicht bewusst. Es ist kein Spaß, sich über jeden Mist auszukotzen, ohne darüber nachzudenken. Aber gerade das geschieht immer öfter und vor allem wird es zum Status quo erhoben. Letztlich erzieht uns dieses Medium.

Kurz und knackig muss es sein

So sind auch die Gründer, die die PinkyGloves verkaufen wollten, vom Netz erzogen worden. Die Devise lautete: Wir brauchen einen coolen Namen, und irgendein Problem, für das es eine Lösung geben muss. Im Internetmarketing werden dazu zwei oder mehr Schlagworte gesucht. Diese Aufgabe haben die Gründer der Menstruationshandschuhe mit Bravur gemeistert, wie das Internet sie dazu erzog. Was das Internet aber bei seiner Erziehung vergaß: Die Welt ist nicht einfach schwarz und weiß und die Dinge in der Regel deutlich komplexer.

Im Ergebnis erstickt diese Fokussierung auf die Verknappung, diese 90-Sekunden- und 140-Zeichen-Mentalität aber jeden Raum für Komplexität und Empathie. Hätten nämlich die Gründer das Produkt nicht nach der Schule des Internets, sondern nach der Schule des Lebens entworfen, wäre Ihnen sofort aufgefallen, dass Vieles latent schon problematisch war, ehe es den Weg in die Öffentlichkeit fand.

Es ist mir egal, was Du denkst

Das Internet hat aber auch die andere Seite erzogen, und zwar zu mehr eigener Meinung. Denn nie war es einfacher, diese zu artikulieren. Es dauerte ein wenig, bis wir uns trauten. Aber von Mailboxen über AOL und Compuserve und dem WWW, dauerte es einige Jahrzehnte bis die „Social Networks“ uns dabei halfen zu emanzipieren. Endlich hört mir jemand zu, geben sie einem das Gefühl, selbst dann, wenn die Likes nur gekauft sind, und Wichtigkeit von Themen sich nicht in Tausenderschritten bemisst.

Das intrinsische Problem: Je mehr Leute ihre Meinung äußern, desto schwieriger wird es, selbst gehört zu werden. Wenn man also Gehör finden will, muss man kreativ sein oder resolut werden und der eigenen Meinung zu mehr Nachdruck verhelfen. Immer wieder mündet das aber auch in der Radikalisierung.

Genau dazu erzieht uns auch dieses Internet. Es macht etwas mit uns, weil es so einfach ist. Die Freude über die eigene Meinung lässt uns vergessen, was die anderen denken. Nur deshalb können wir unsere Meinung trotzdem nicht verabsolutieren. Diese Lektion müssen wir noch lernen und verschweigt das Internet aber leider viel zu oft. Deshalb sind Shitstorms und Morddrohungen noch lange an der Tagesordnung, bis wir genug Medienkompetenz entwickeln.

Internet macht keine besseren Menschen aus uns

Aber das ist nicht das Problem des Internets, sondern unser eigenes. An dieser Stelle begegnen sich nämlich dieses Medium und die Realität, weil es, wie McLuhan und Co. wussten, auch wieder nur eine Erweiterung von uns selbst darstellt.

Warum sollte also das Medium der bessere Mensch sein? Das Internet ist nur so gut oder schlecht, wie wir selbst. Da wir das jetzt wissen, können wir ja aufhören damit, so zu tun, als ob das Medium uns zu besseren Menschen erziehen würde.

Mehr über Alexander Trust:

Bekam seinen ersten PC mit sieben Jahren, einen XT mit 4 MHz und Monochrom-Monitor. Registrierte die erste Domain im Jahr 1998, vorher auch in Mailboxen aktiv, bei AOL und Compuserve. Studierte Computer Science (Anwendungsentwicklung) in Wuppertal und Informatik und Soziologie, Linguistik und Literatur in Aachen. Veröffentlichte bereits einen Roman.

Metadaten
  • Geschrieben am: 20. April 2021
  • Zuletzt aktualisiert am: 20. April 2021
  • Wörter: 756
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