Von Alexander Trust am 28.05.2020 (letztes Update: 28.05.2020).

Uber verschrottet Jump E-Bikes: Schwachsinn kein Einzelfall

Uber Jump E-Bike
Uber Jump E-Bike, Bild: Uber

Uber entschied sich am 7. Mai dazu, seine „Jump“-Tochter an Lime zu verkaufen. Über Jump konnte man E-Bikes und E-Scooter in manchen Ländern ausleihen. Nun landen die Fahrräder und Scooter auf dem Schrott. Videos dokumentieren die Zerstörung. Doch der Aufschrei ist „deplatziert“. Denn dies geschieht jeden Tag mit Waren von Elektrodiscountern, Baumärkten, Lebensmittelhändlern und anderen.

2018 wollte Uber sich zwar mehr auf seine elektrischen Fahrräder und Scooter konzentrieren, doch spätestens seit der Covid-19-Maßnahmen fällt es schwer, mit dem Verleih der Geräte Geld zu verdienen. Also entschied Uber sich am 7. Mai dazu, das Jump-Geschäft an Lime zu verkaufen. In Europa ist die Übernahme noch nicht abgeschlossen, weshalb es zum Beispiel in London nach wie vor rote Jump-Räder gibt. Doch es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis das Geschehen auch hierzulande ähnlich ausfallen könnte.

Uber lässt verschrotten

In den sozialen Netzwerken tauchten nun Videos auf, die die Verschrottung von Lastwagen-Fuhren voller E-Bikes zeigen. Uber selbst gibt an, dass die Geräte wartungsintensiv seien und Endverbraucher sie nicht ohne weiteres hätten aufladen können, weil die passenden Ladestecker dazu in Haushalten nicht vorhanden seien.

Spontan gibt es in den sozialen Medien viel Kopfschütteln, teilweise Wut und immer auch Ideen, wie man das Verschrotten verhindern hätte können.

Kein Einzelfall

Doch worüber Aaron Gordon für Motherboard berichtet ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil. Es ist vor allem aus ökonomischen Zwängen heraus eine Normalität im Kapitalismus.

Denn das System funktioniert ja wie folgt: Jedes Jahr kommen neue Geräte in den Handel, die besser oder schneller oder beides sind als das Vorjahresmodell. Nun kann man auch die Vorjahresmodelle noch anbieten. Doch irgendwann sind die eigenen Lagerkapazitäten erschöpft und dann muss die Ware woanders hin. Aber wohin mit tausenden PlayStation-Controllern? Mit Glück findet sich ein institutioneller Abnehmer, zum Beispiel eine Reparaturwerkstatt.

Die Unternehmen können auch Modelle der Vor-Vor-Jahre anbieten. Doch abgesehen von den Lagerkapazitäten gibt es auch andere wirtschaftliche Zwänge. Denn der Handel kann die neuen Produkte und die alten nicht zum gleichen Preis anbieten. Schließlich haben die neuen Vorzüge, und könnte man es den Kunden nicht vermitteln. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem Rabatte auch nicht mehr helfen und selbst Produkte in der Grabbelkiste nicht mehr gekauft werden. Dann ist der Zeitpunkt der Schrottplätze in der ganzen Welt gekommen. Sie nehmen sich der Produkte an.

Kapitalismus-Logik macht auch vor Lebensmitteln nicht halt

In Frankreich gibt es seit 2016 ein Gesetz, das das Wegwerfen von Lebensmitteln unter Strafe stellt. Dafür eingesetzt hat sich Frankreichs Präsident Emanuel Macron. Er als eigentlich „Liberaler“ hat damit dem Kapitalismus ein kleines Schnippchen geschlagen. Tatsächlich droht den institutionellen „Wegwerfern“ sogar eine Geldstrafe. Also können Supermärkte entscheiden, ob sie die Lebensmittel nicht vielleicht doch besser an gemeinnützige Organisationen weitergeben, die das Essen an Bedürftige austeilen.

Warum selbst weggeworfene Lebensmittel besser sind als gespendete, liegt an den Gesetzen der kapitalistischen Gesellschaften. Es wird produziert und mit Gewinn verkauft… Was jemand anderer verschenkt, schadet dem eigenen Geschäft. Damit niemand anderer die Lebensmittel billiger anbietet oder verschenkt, wirft man sie lieber weg.

Alltag auch bei Elektronik-Discountern und Baumärkten

Mit dem Vorgehen bei Lebensmitteln haben wir im Prinzip bereits die Spitze des Eisbergs erreicht. Doch für die Umwelt weitaus dramatischer ist das Verschrotten von nicht biologisch abbaubaren Dingen. Dazu zählen natürlich auch die Fahrräder von Uber.

Doch wer jetzt denkt, dass es sich dabei um einen Einzelfall handelt, der irrt. Ich könnte das selbst notfalls auch belegen, kenne ich doch einige Mitarbeiter aus Entsorgungsbetrieben.

Nur brauche ich das nicht einmal, weil diese Fälle hinlänglich dokumentiert sind. Egal ob Amazon oder Metro (Media Markt / Saturn), egal ob Bauhaus, Toom oder Hornbach und wie sie alle heißen. Es wird aus ökonomischem Zwang heraus einfach weggeworfen.

Hin und wieder freut sich ein Besitzer eines Schrottplatzes, der aus Neugier trotzdem einen Blick in versiegelte Container wirft. Ob darin nun Xbox-Controller liegen, Google Nest Überwachungskameras oder Badezimmer-Armaturen von Hans Grohe. Vielleicht zwackt der eine oder andere Betreiber für den Privatbedarf noch etwas ab, obwohl er das eigentlich nicht dürfte. Letztlich aber wird so viel produziert um dann irgendwann wieder verschrottet zu werden. Das ist eine maßlose Verschwendung von Ressourcen, die sich die Spezies Mensch selbst eingebrockt hat.

Warum spendet man nicht einfach?

Es gibt Leute, die stellen sich die Frage, warum so viele Dinge einfach weggeworfen werden. Die gleichen Leute fragen beinahe im selben Atemzug außerdem, warum die Dinge nicht einfach gespendet werden?

Zwei Argumente liegen auf der Hand. In den USA beispielsweise gibt es die Möglichkeit institutioneller Spenden für sogenannte „Thrift Stores“. Dort können Unternehmen ausgediente Geräte abgeben, die dann wieder verkauft werden. Dort können aber auch Hinz und Kunz Dinge abgeben oder eben kaufen. Ein wenig vergleichbar ist das mit Caritasläden oder dem Verkauf auf manchem Entsorgungshof. Allerdings stellt sich für die Unternehmen in jedem Fall die Frage: Warum soll ich meine Produkte verschenken, damit jemand anderer als Konkurrenz zu mir selbst auftritt. Denn wenn die Konsumenten wissen, dass sie im Thrift Store womöglich Geräte oder Kleidung aus der Vorsaison billiger bekommen, warum sollen sie dann überhaupt die neuen Produkte kaufen?

Entsorgen ist billiger als Spenden

Doch speziell in Deutschland – aber nicht nur – gibt es eine besondere Situation. Denn der Großhandel müsste auf gespendete Güter noch die Umsatzsteuer zahlen, weil er sie umsatzsteuerbefreit einkaufen konnte. Verschrotten kostet hingegen nur die Gebühr beim Entsorgungsbetrieb. Es ist eine ziemlich simple Rechnung. Unternehmen wählen in der Regel den günstigeren Weg.

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