Kolumne: Alle müssen was tun

Die einen haben das 3GS, die anderen immerhin OS3.0, noch andere ihren Jailbreak. Diese Segnungen der letzten Wochen soll man bald auch im Dreifachpack bekommen, wenn man die jüngsten Exploitmeldungen des Devteams liest. Dazu die neuen Notebooks und ein zurückgekehrter Steve Jobs: Zumindest im Apple-Lager scheint die Lage einmal mehr bestens.

Kommentar

Ein wenig erstaunlich ist das aber durchaus – neben dem großen Unsinn, den man im Netz der letzten Woche ertragen musste, gab es auch einige Kleinigkeiten, die im Nachhinein ein wenig verblüffen.

Pornographie im App Store

Ein wenig zu denken gibt es schon, wenn die erste App mit erwähnenswert viel nackter Haut im App Store direkt zum Abrauchen der Server des Entwicklers führt. Macht der iPhone-Bilderahmen um ein Nacktbild nun doch so viel aus, dass ansonsten langweilige und x-mal gesehene Galerien auf einmal zum Renner werden, oder war es in gewisse Ecken des Mac-Lagers doch noch nicht durchgedrungen, dass es das alles auch für lau und besser aufgelöst gibt? Oder wurde das einfach vergessen – schließlich wissen wir nun auch, dass Pr0n Gedächtnisverlust verursacht? Jedenfalls kann ich guten Gewissens versichern, dass testwütige, wild die Galerien ladende Blogredakteure nicht die Ursache des überlasteten Bilderservers waren. Die Vermutung liegt nahe, dass irgendwo Nachholbedarf an einschlägigem Fotomaterial bestand. Die Bildrechte werden es ja hoffentlich nicht gewesen sein.

Immerhin ist Entwickler „Allen the Geek“ in guter Gesellschaft: auch Apples Aktivierungsserver hatten nach 3GS-Verkaufsstart und dem OS3.0-Launch gut zu tun. Irgendwie beruhigt es ja fast gelegentlich, wenn das Netz an Grenzen stößt. Auch Michael Jacksons Tod führte zu erheblichem Schluckauf bei der Wikipedia und der (eher vertrauten) Twitter-Überlastung. Was hingegen kaum auffiel, war das 3.0-Update, das auch (kostenpflichtig) für den iPod touch erschien. 1% der Touch-user hat es sich geladen: erstaunlich, angesichts der hochgelobten Features und insbesondere der Hoffnungen der Entwickler auf Ingame-Purchases. Angesichts letzterer sollte sich Apple möglicherweise überlegen, ob die Updategebühr auf dem Touch noch zeitgemäß ist.

Steve-Jobs-Immitatoren

Aber das ist eine nebensächliche Kleinigkeit angesichts der wirklich großen Themen. Die beherrscht natürlich Steve Jobs. Spannend ist beispielsweise der Trend, seine Keynotes zu imitieren:

Doch in der letzten Woche ging es um etwas anderes. In den USA wurde die moralische Entrüstung über Steve Jobs‘ geheimgehaltene Lebertransplantation sorgsam aufgekocht, in Deutschland blieb es ruhiger – vielleicht gibt es hierzulande einfach weniger Apple-Großanleger, die profane Aktieninteressen in die moralisch besser akzeptierte Kritik an mutmaßlicher Zweiklassenmedizin verpacken.

Was im Rahmen der ganzen wilden Debatten meist nicht oder allenfalls als Fußnote vorkam: Ein grundlegendes Problem der Transplantationsmedizin ist der Mangel an Spenderorganen. Die Debatte wäre ein schöner Anlass, darauf mal aufmerksam zu machen. Passiert ist es leider eher selten. Also: Spenderausweise und Informationen finden sich bei der BzgA. Leben retten ohne vorher zu sterben kann man unter anderem bei der DKMS (Vorsicht, Flash). Gutes tun ist gar nicht schwer.

Engagement, Engagement!

Die Politik werde sich noch wünschen, dass die Netzgemeinde politikverdrossen sei, so die Drohung, die seit einigen Tagen durch die einschlägigen Kanäle schwappt. Vordergründig die Einführung einer unkontrollierten Zensurinfrastruktur, die unter dem Deckmantel der Kinderporno-Bekämpfung in Gesetzesform gekippt wurde, insgesamt vermutlich eher die lang aufgestaute Frustration über ein medientechnisch lernresistentes Parlament sind die Anlässe. Auch hier sind Server zwischenrein abgeraucht – mit viel politischem Interesse der Öffentlichkeit kommt nicht nur der gewöhnliche Internetausdrucker-Parlamentarier nicht zurecht, auch der Petitionsserver des deutschen Bundestags geht bei zu viel Bürgerbeteiligung gelegentlich in die Knie. Die Warterei auf einen freien Slot, das Abgeben der persönlichen Daten zum freien Download für jedermann und das schließliche Zeichnen einer Petition gegen Scheinlösungen und Augenwischerei wurde in den Augen unserer Familienministerin zu „zwei, drei Sekunden“ der politischen Partizipation, die man dann natürlich nicht mehr ernstzunehmen braucht.

Man darf Frau von der Leyen aber nicht böse sein, denn es ist zugegeben ein hartes Brot, gegen kundige Menschen eine fachliche Diskussion vorzutäuschen. Es muss eine Sisyphosarbeit sein, einer kritischen Öffentlichkeit permanent technischen Unsinn zu erzählen und zu vermitteln, dass das alles zu unserem Besten ist. Nun muss man sich zwar Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, aber als Erklärungsansatz dafür, dass wir aktuell möglicherweise das glücklichste Parlament überhaupt haben, taugt statt Camus wohl eher Benn: „Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.“

Das Schöne am Internet ist ja: Alle können mitmachen. Das Schlimme am Internet kriegen wir später.