Kommentar: Bill Gates und sein Reality Distortion Field

Was tut der Mensch, wenn er sehr, sehr verzweifelt ist? Richtig, er redet sich die Lage schön. Das ist ein psychologisch durchaus sinnvoller Schutz-Mechanismus, schließlich würden wir sonst wohl alle in Dauerdepressionen verfallen. Aber: Ab und an tut eine kleine Dosis Realitätssinn ganz gut. Zum Beispiel, wenn man sich als Noch-Kanzler am Abend der verlorenen Wahl nicht selbst um Anstand und Würde krakeelen will. Doch wenn man von Kameras und Mikrofonen umzingelt ist, dann vergisst man wohl leicht das PR-Einmaleins, so auch Bill Gates.

Kommentar

Diese Woche, als die amerikanische Newsweek, immerhin zweithäufigst rezipierte Wochenzeitschrift der Welt, Bill Gates zu Windows Vistas unübersehbarer Verwandtschaft mit Mac OS X befragte. Da drehte Mr. Microsoft den Spieß einfach mal um:

„I mean, it’s fascinating, maybe we shouldn’t have showed so publicly the stuff we were doing, […]. Let’s be realistic, who came up with [the] file, edit, view, help [menu bar]?“ (Bill Gates)

Anfänge grafischer Benutzeroberflächen

Gute Frage, wer hat’s denn eigentlich erfunden? Nun, die Anfänge grafischer Benutzeroberflächen lassen sich wohl auf Experimente Ende der 70er in der Entwicklungs-Abteilung von Xerox zurückführen. Doch wirklich praxistauglich waren diese frühen Ansätze nicht. Ganz im Gegensatz zu dem System, mit dem 1984 die ersten Macs ausgeliefert wurden.

Screenshot zeigt System 1.1, eine graphische Benutzeroberfläche der ersten Macs.

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System 1.1 - Mac-GUI

Genau – mit File, Edit, View und zum ersten Mal einer Menüleiste, so wie wir sie heute kennen. Übrigens, Windows 1.0 kam Ende 1985 in den Handel. Der Rest ist Geschichte.

Irrtümer der Computergeschichte

Nachdem sich Gates im Gespräch mit dem Newsweek-Redakteur erst einmal warmfabuliert hatte, hielt ihn nichts mehr davon ab, mit den ganz großen Irrtümern der Computergeschichte aufzuräumen. Nicht der PC, sondern der Mac sei die Mutter aller Sicherheitslücken.

„Nowadays, security guys break the Mac every single day. Every single day, they come out with a total exploit, your machine can be taken over totally.“ (Bill Gates)

Nun, bei wohlwollender Interpretation mag sich Gates auf den kürzlich stattgefundenen Month of Apple Bugs bezogen haben, während dem tatsächlich einige Schwachstellen im System bekannt gemacht wurden. Von einem Exploit, mit dem das ganze System gekapert werden kann, sprachen aber nicht einmal die Initiatoren, die bekanntlich alles andere als aufmerksamkeitsscheu waren.

Keine Frage, fair geht vor: Auch wenn sich der Wow-Effekt bisher in Grenzen hält, es gab sicherlich schon schlechtere Produkte mit Windows-Logo. Und ja, auch Apple hat nicht jedes Rad neu erfunden. Aber wenn man in Redmond den nächsten Marketing-Feldzug plant, sollte man vielleicht jemanden fragen, der sich damit auskennt. Was macht eigentlich Steve Ballmer?