Slave to the Gadget: Von Arbeit, Apps und allem anderen

Von Informations- und Internetsucht ist viel die Rede, eher schweigsam ist es noch am anderen Ende dieses Hypes, wo wir auf Menschen treffen, die gerne das Arbeitsgerät auslassen und ganz konventionell dem Freizeit- und/oder Familienleben nachgehen möchten. Ein Vorhaben, das tendenziell schwerer wird - statt dem Abschalten des Arbeitsrechners stehen dem inzwischen eine Reihe von Gadgets im Weg, die allezeit fröhlich Arbeits- und Bürokommunikation liefern und dafür sorgen, dass der Job immer nur einen Fingertipp entfernt bleibt.

Wer das Home Office lange Zeit für das Symbol der Erosion des Privatlebens und der schleichenden Vermengung von Arbeit und Freizeit schlechthin gehalten hat, sollte spätestens von Smartphones und Tablets eines Besseren belehrt worden sein. Es gilt, weit mehr als den „privaten Raum“ mit Arbeitsgerät zu erobern, denn die private Zeit ist ein weitaus attraktiveres und ausbeutbares Ziel. Anders als den Raum kann man sie schwerlich verlassen, und mit dem passenden Gerät (vorzugsweise aus dem Hause Apple) ist sie schnell und überall erobert. Und während Themen wie Internetsucht oder Unternehmensverluste durch die private Rechnernutzung am Arbeitsplatz gerne medial thematisiert werden, ist es eher unzeitgemäß, sich zur Invasion des Privatlebens durch die Arbeit zu äußern – schließlich leben wir ja nicht nur in einer Informations-, sondern eben auch in einer Leistungsgesellschaft.

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Um länglicher aus einer gestrigen Pressemitteilung von HSD Consult zu zitieren (die nebenbei besagte Statements als Begründung dafür anführt, vermehrt auf ihre „Casper Suite“ zur Integration privat genutzter Geräte in Firmeninfrastrukturen zu setzen):

„Zwei Drittel der Berufstätigen in Deutschland sind auch nach Feierabend für Kunden, Kollegen und den Chef per Handy oder Internet erreichbar. Das hat eine aktuelle Studie des Hightech-Verbands BITKOM ergeben.

iPhone und iPad als Arbeitsgeräte: Dass die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmt, liegt auch an Mobilgeräten wie dem iPhone oder iPad von Apple. Laut einer Verbraucherumfrage in den USA möchten mehr als 50 Prozent der iPhone- Besitzer ihr Touchscreen-Handy zunehmend auch für berufliche Tätigkeiten einsetzen. In einer anderen Befragung gab über die Hälfte der Smartphone-User an, das iPad vor allem als mobiles Arbeitsgerät nutzen zu wollen. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich in Deutschland ab. Bislang benutzen Berufstätige überwiegend ihre privaten Geräte, um nach Feierabend nicht den Anschluss zu verlieren.“

Meine Glaskugel war schon gelegentlich ein wenig trübe, aber ich bin recht sicher, dass eine Reihe Leser gerade beim Lesen genickt hat, mit unterschiedlichem Schiefegrad beim Grinsen und insbesondere bei den Begriffen „möchten“ und „wollen“. Überwiegend wird es sich bei den Zustimmenden vermutlich um Webworker handeln, bei denen die Grenze zwischen Alltags- und Freizeitinformation sowie jobrelevantem Wissen ohnehin seit geraumer Zeit am Verschwimmen ist. Dass es sich um ein Massenphänomen handelt, mit dem praktisch alle zu tun haben, deren Arbeit, Arbeitskommunikation oder Weiterbildung auch nur ansatzweise virtualisierbar ist, zeigt das zitierte HSD-Statement. Was mit Telefon, Pieper und Handy einst begonnen und mit der Kombination Desktop/Internet fortgesetzt wurde, findet heute mobil statt. Technische Grundlage sind die privat wie beruflich nutzbaren, unverzichtbaren Begleiter, welche – man verzeihe die martialische Marxsche Metapher – zur schweren Artillerie wurden, die alle chinesischen Mauern der Abgrenzung des Privatlebens in Grund und Boden schießt. Das geschieht schon durch die Default-Funktionen und Möglichkeiten moderner Mobiltechnologie, das wird, siehe Pressemitteilung, aktuell selbstverständlich optimiert und unterstützt – schließlich wehrt sich kein Arbeitgeber gegen die allzeit verfügbare Mehrarbeit, ganz zu schweigen von der permanenten „Quasibereitschaft“, die mit der Nutzung der Gadgets einhergeht.

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Nur nebenbei sei erwähnt, dass Social Networks, Microblogging und insbesondere die aufstrebenden Location-Dienste hier einen nützlichen Verstärkereffekt haben – die private Vernetzung macht einerseits die Technik zur sozialen Notwendigkeit auch und gerade in der Freizeit, weiter macht sie das Privatleben transparent und ein „Offlinebleiben“ begründungspflichtig – hätte man die geschäftliche E-Mail doch erhalten müssen, wenn man eben den Treffpunkt für den Kinobesuch auf Facebook Places eingetragen hat.

Natürlich gibt es Hilfsmittel gegen diese Invasion. Persönlich genutzt bzw. bekannt sind bei mir beispielsweise das Verwenden verschiedener Messenger bzw. Messengeraccounts für Arbeits- und Privatleben oder das sehr bewusste Nichteinrichten von Mailaccounts auf der heimischen (Freizeit-)Kiste. Es soll auch Menschen geben, die mit bemerkenswerter Selbstdisziplin das eine vom anderen trennen, ohne dafür technische Mittel einsetzen zu müssen, allein, ich nehme an, dass es sich dabei um eine Minderheit handelt. Die Mehrheit ist – auch und gerade mit Apple-Mobilgeräten und ihren praktischen Synchronisationsfähigkeiten – da weniger unempfindsam und muss darüber hinaus feststellen, dass das privat wie auch beruflich genutzte iPhone oder iPad eben alles synchronisiert und abruft, weil es eben auch für die Arbeit verwendet und an die entsprechenden Accounts gekoppelt wird.

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Man wird Apple nun nicht unterstellen müssen, mit dem Verzicht auf Profilfunktionen auf iPhone und Co. der Erosion des Privatlebens bewusst Vorschub zu leisten. Nichtsdestotrotz ist diese eine Techniknebenfolge, die einher geht mit der ansonsten hoch erwünschten „Usability“ und Interoperabilität von Apples Geräte- und Softwarepark. Anderswo ist es nebenbei nicht wirklich anders: Clouds und Smartphone-/Rechner-Infrastrukturen bringen das eben mit sich, egal, ob die Technik aus Cupertino, Redmond oder Mountain View, Kalifornien stammt.

Strategien am Apple-Gerät gegen die schleichende bzw. offensichtliche Invasion des Privatlebens? Welche Maßnahmen ergreift die Leserschaft? Synct ihr nur bestimmte Postfächer aufs mobile Gerät, gibt es wenig bekannte Geheimtricks, um so etwas wie Nutzungsprofile zu erstellen? Arbeits- und Freizeit-Homescreens? Alles reine Willenskraft? Oder haben wir es mit einem unvermeidlichen Prozess zu tun, der im Zusammenspiel von Technik, Wettbewerb und der Ökonomisierung des Alltagslebens einfach mit mehr oder weniger viel Gelassenheit oder gar Begeisterung aufgenommen werden muss?

Disclaimer: Dieser Text entstand größtenteils am zurückliegenden langen Wochenende.