Blast from the Past: Lambrettinis für iPhone und LCD-Spiele überhaupt

Zeitfresser, damals wie heute. Eigentlich wollte ich nur einen Kommentar auf Macnotes lesen. Dann musste ich die "Flying Lambrettinis" laden, es folgte ein Gespräch über frühe Spielkonsolen und LCD-Games, und zu guter Letzt musste ich das halbe Handheldmuseum durchsurfen, nachdem mich die Lambrettinis an eigene Kinder- und Telespielzeiten erinnert hatten. Die Mini-"Handhelds" der 80er, meist LCD- oder Telespiele genannt, suchten bereits vor dem C64 gelegentlich (auch unsere) Kinderzimmer heim, glänzten mit primitivster Technik, einfachsten Spielprinzipien und weitgehend monotoner Piepserei, und wir spielten sie mit Begeisterung. Ich fordere mehr iPhone-Portierungen!

Flying Lambrettinis, Screenshot

Kurz das Prinzip der 80er-Gadgets. Mit recht simpler Elektronik und einem LCD-Bildschirm, in dem die „Spielfiguren“ in einzelnen Animationsstufen unter einem aufgedruckten „Spielfeld“ gezeigt werden konnten, wurden in den 80ern „Telespiele“ oder eben LCD-Spiele in die Kinderzimmer gebracht. Mehr oder weniger liebevoll gemaltes „Spielfeld“ kontrastierte mit den Stop-and-go-Animationen, die mit den LCD-Spielfiguren in simplem Schwarzweiss umgesetzt wurden. Dazu Sound, der mit etwas Glück Piepsen in mehreren Tonhöhen umfasste.

Dass das ganze irgendwie auch einen ganz eigenen Charme hatte, zeigt auch heute die erste mir bekannte iPhone-Portierung des „LCD-Feelings“, denn als „echtes“ LCD kamen „Die fliegenden Lambrettinis“ nicht auf den Markt. Die Entwicklung der „S/M Studios“ schließt aber – trotz Touchscreen-Bedienung – nahtlos an die Vergangenheit an. Einfaches Spielprinzip, bei dem man aber zügigst in die alte „Nur noch eine Runde“-Sucht gerät.

Das – rein subjektiv – schönste an der Geschichte ist aber eben der Retrofaktor, den man möglicherweise erst ab den 30 Jahren aufwärts aus erster Hand nachvollziehen kann. Seltsamerweise hatte ich die LCD-Phase regelmäßig vergessen, wenn es um Retrogeschichten ging – man bleibt dann doch immer bei den „richtigen“ Rechnern hängen. Dabei werden zu den kleinen Suchterzeugern auch einige Geschichten zu erzählen sein – angefangen mit dem Untergang des Abendlandes, der auch damals befürchtet wurde, kämen die Kinder zu viel in Kontakt mit dem damals gar nicht so billigen Ramsch aus Fernost.

LCD-Spiele

Mein einziges besessenes LCD-Spiel war „Oil Gang“, ein im Nachhinein geradezu visionäres Spiel, in dem ein leicht mangaesk wirkender Junge eine Pipeline vor bösen Arabern schützen muss, die Öl abzapfen wollen. Geschenkt hatte mir das Spiel mein Bruder – wir wünschten uns beide ein „Telespiel“ zu Weihnachten, die Eltern erteilten diesem Wunsch aus erzieherischen Gründen eine Absage, woraufhin wir uns gegenseitig je ein Spiel schenkten.

Mein Bruder kriegte von mir „Mr. Woodman“. Kostenfaktor, wenn ich mich richtig erinnere, zwischen 20 und 40 Mark, und Woodman war billiger. Als jüngerer Bruder konnte man sich auch damals nicht so viel leisten. Woodman wiederum war eine erstaunliche Mischung zwischen Bäumefällen, Bärenausweichen und dem Auffangen abstürzender Kinder – an sich wertvolle pädagogische Inhalte, die sowohl die Notwendigkeit der Erwerbs- wie auch der Reproduktionsarbeit im Kampf ums Überleben in kaum zu erreichender Dichte vermittelten.

Die Telespiele in den frühen 80ern machte uns wider Erwarten nicht zu frühkindlichen Soziopathen, wie es auch später Blue Max und Who Dares Wins am 64er nicht taten. Der C64 ist regelmäßiges Emulat auf zahlreichen Plattformen (hoffentlich auch bald dem iPhone), die Telespiele fristen hingegen ein Dasein am Rand der Wahrnehmungsschwelle.

An diesem verwerflichen Zustand ändert hoffentlich „Die Fliegenden Lambrettinis“ etwas, denn das Spiel funktioniert hervorragend. Zwar meint man recht schnell, in ein System zu kommen, mit dem die Zirkusathleten sicher und mit repetitiver Tippfolge vom Sprungturm über Wippen und Menschenpyramiden zu ihrem Ziel befördert werden, anders macht es aber schlicht mehr Spaß. Man hört eigentlich nur deswegen damit auf, weil man einen Artikel über LCDSpiel-Kindheitserinnerungen schreiben will.

Zu guter Letzt sind die „Lambrettinis“ mit 79 Cent fast schon schmerzhaft günstig, wenn man bedenkt, wie mühsam man sich vor über 20 Jahren das Geld für ein Telespiel zusammensparen musste. Bitte mehr davon.

Mehr über rj:

Berufsbedingt auf iPhone und Macbook Pro gewechselt und pflegt seitdem ein stetig wachsendes Faible fürs iPhone wie auch eine gewisse Distanz zum Macbook. Nutzt ungeniert auch Linux und Windows, was ihn nicht davor schützt, gelegentlich Fanboy geschimpft zu werden.

Metadaten
  • Geschrieben am: 17. Juli 2009
  • Zuletzt aktualisiert am: 3. März 2021
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