Gründe gegen das iPhone 3G

Leser Gregor Pittke schickte uns einen Kommentar zum iPhone 3G. Er argumentiert ziemlich umfangreich, warum sich der Umstieg vom iPhone zum iPhone 3G nicht lohnt.

iPhone 3G, Bild: Apple

Vorteil surfen mit UMTS-Geschwindigkeit?

Surfen, Mails abrufen, Daten abgleichen, das ist jetzt dank UMTS-Beschleuniger HSDPA mit bis zu 3,6 Mbit/s möglich. Endlich! Es wird wohl das ewige Geheimnis von Apple bleiben, warum dieses Hardware-Feature nicht bereits im iPhone der 1. Generation steckte, immerhin hatte sich diese Mobilfunktechnik schon lange vor dem ersten Modell 2007 als Standard etabliert. Dass die UMTS-Netze (noch) nicht flächendeckend ausgebaut sind, wird vor allem Kunden im Ländlichen ärgern (hier bietet T-Mobile wenigstens EDGE [Downloads mit bis zu 220KBit/s] als Alternative). Trotzdem surfen wie im richtigen Internet will jeder, 3G ist also schlagendes Kaufargument genug?!

GPS ohne aktive Navigation?

Als zweites Killerfeature hat das „3G“ nun einen GPS-Empfänger bekommen. So richtig Freude darüber kommt jedoch nicht auf, da Apple keine Möglichkeit für z. B. eine aktive Navigation zulässt (vielleicht schafft das nächste Firmwareupdate im September Abhilfe). Klar kann man sich jetzt punktgenau orten lassen, aber hat das bisher nicht auch ganz gut über die Mobilfunkmasten-Triangulation oder die Hotspot-Standorte in Google-Maps funktioniert?

Firmware 2.0. für alle iPhones!

Die eigentlichen Neuerungen sind softwareseitig mit der neuen Firmware 2.0 gekommen. Für Businesskunden kommt endlich die Unterstützung von Microsoft Exchange, Privatanwender dürfen dank App-Store erstmals Anwendungen und Spiele von Drittentwicklern direkt aufs iPhone installieren. Weitere Änderungen: höhere Sicherheit durch Cisco VPN-Client, wissenschaftlicher Taschenrechner, Kindersicherung, Zeichenerkennung und -Unterstützung für asiatische Sprachen und Darstellung von E-Mail-Anhängen aus dem MS Office-Paket, bzw. der iWork-Suit. Das Schönste, auch die alten iPhones bekommen die Neuerungen dank Firmwareupdate kostenlos.

Bessere Kamera? Fehlanzeige!

Die 2MP-Kamera ist die Alte geblieben. Schade, hier hat Apple die konsequente Weiterentwicklung verschlafen! Für Schnappschüsse liefert die Kamera zwar eine ordentliche Qualität, in geschlossenen Räumen und bei weniger guten Lichtverhältnissen stößt das iPhone schnell an seine Grenzen. Die heutige Generation von Kamerahandys (Nokia, Sony-Ericsson, Samsung, LG, etc.) kann mittlerweile Fotos in Digitalkameraqualität mit fünf und mehr Megapixeln schießen; Blitzlicht, Autofokus und Zoom inklusive. Das Videofunktionalität mithilfe einer Softwarelösung relativ einfach implementiert werden könnte zeigen Applikationen wie iVideoRecorder auf ge’jailbreak’ten Geräten.

Besserer Akku?

Apple erwähnte bei der Präsentation auf der WWDC Anfang Juni einen leistungsstärkeren Akku im neuen Gerät verbaut zu haben. 20 % mehr Standby-Zeit (von 250 Std. auf 300 Std., Angaben laut Apple) trotz leistungshungrigem UMTS-Netz, bis zu 10 Stunden Telefonie im klassischen GSM-Netz und 5 Stunden surfen in HSDPA-Geschwindigkeit. Liest sich auf dem Datenblatt gut, in ersten Praxistest folgte jedoch schnell die Ernüchterung. Die Tester schreiben fast im Einklang, bei normaler bis leicht erhöhter Nutzung braucht das Handy am Abend, spätestens nach 24h dann die Steckdose. Angesichts der zehn im Gerät verbauten Antennen und dem stromhungrigem großen Display sicher keine Überraschung, aber dennoch enttäuschend. Wer das iPhone Classic besitzt, kommt mit einer Ladung weiter. In diesem Zusammenhang wirken die Stromspartipps von Apple wie ein schlechter Scherz, Push-Mail-Funktion, 3G-Netzwerk, WiFi deaktivieren, all das was das neue Gerät vom alten ja unterscheiden sollte.

Gewölbte Rückfront aus PVC? Geschmacksache.

Die Rückfront des iPhone 3G besteht aus einem gewölbten Kunststoffgehäuse, damit liegt das neue Gerät geschmeidiger in der Hand. Ärgerlich jedoch, dass quasi jede Berührung hässliche Fingerabdrücke hinterlässt und das Gerät schnell verschmiert wirkt. Die überdimensional großen Warnsymbole verleihen dem High-Tech-Produkt einen Touch von Billigspielzeug aus Fernost. Insgesamt präsentiert sich das Nachfolgemodell weit weniger edel, als sein Vorgänger mit matter Aluminiumrückseite.

Touchscreen und virtuelle Tastatur revolutionär, aber:

Ohne jeden Zweifel ist die wahre Revolution an Apples Gerät der so genannte Multitouchscreen. Die Eingabe per Finger, dazu die intuitiv zu händelnde Software, Apple hat den Telekommunikations-Markt die letzten zwei Jahre wie kein zweiter revolutioniert. Das überragende, kratzunempfindliche Touchscreen ist dasselbe geblieben. Dennoch bleibt der Tropfen Wehmut, wenn alle Eingaben am Gerät ausschließlich über den virtuellen Fingerdruck ablaufen. Wer schon mal eine längeren SMS, E-Mail oder Notiz von Unterwegs aus geschrieben hat, weiß wovon ich spreche. Die imaginären Tasten liegen zu dicht nebeneinander und die mitgelieferte Korrekturhilfe auf Deutsch ist alles andere als hilfreich. Weder beim iPhone Classic, noch beim 3G.

iPhone ab 1,- € und mit rundum sorglos Paket der Telekom?

Das iPhone 3G gibt es bereits ab 1,- € im Vergleich zu den vormals aufgerufenen 399,- € für das ersten Apple-Telefon, klingt das ganz nach Schnäppchen. Dies gilt allerdings nur in den beiden teuersten Tarifen „Complete L“ und „Complete XL“, mit Monatsgebühren von 69,- € bzw. 89,- € und für das kleinere 8GB-Modell. Im kleinsten Tarif dem „Complete S“ kostet das Gerät 169,- € Zuzahlung und zieht Monatsgebühren von 29,- € nach sich. An dieser Stelle allerdings von „Complete“ zu sprechen ist äußerst irreführend, bei gerade mal 50 Freiminuten und nur 500 MB Datentraffic. Das in der Preisliste von einer sogenannten UMTS-Flatrate gesprochen wird ist dreist, wenn z. B. nach 300 MB Datenverkehr (im Paket M) die UMTS- Geschwindigkeit von 7,2 Mbit/s auf 64 KBit/s gedrosselt wird (bei Paket L nach 1GB, bzw. bei XL nach 5 GB). Und solche Datenmengen lassen sich ziemlich schnell erreichen, hier mal ein Programm über den App-Store laden, unterwegs YouTube Videos gucken und Internetradio hören, E-Mails mit Dateianhang öffnen, oder schlichtweg im Internet surfen. Und liebe Telekom, was nützt mir dieses schicke neue Ding mit 3G-Speed, wenn nach einer Woche mein Traffic bereits aufgebraucht ist und ich fortan langsamer surfe als mit meinem alten Gerät und EDGE (220 KBit/s)!

Ablöse für Bestandskunden.

Normaler Weise werden Bestandskunden besonders behandelt, nicht so bei der Telekom. Warum die „Early Adopter“, also jene iPhone-Kunden der ersten Stunde, für jeden Monat der verbleibenden Vertragslaufzeit eine 15-€-Auslöse für ein vormals nicht-subventioniertes Gerät zahlen müssen, bleibt mir schleierhaft. Nach Zahlung von mindestens 240 € Strafgebühr plus dem jeweiligem Gerätepreis wird man erneut 24 Monate an die Telekom zwangsgebunden. Im Nachhinein wurde außerdem bekannt, dass von den ersten 15.000 3G-Geräten trotz wochenlanger Vorbestellungen fast keine an die Bestandskunden gingen.

Chaos zum Verkaufsstart und anhaltende Lieferschwierigkeiten

„Wir haben den Ansturm auf das iPhone 3G völlig unterschätzt“, sagte ein mit den Vorgängen vertrauter Apple-Manager zu Focus.de. Es klingt wie der Supergau, gleich zum Verkaufsstart konnten nicht alle Kaufwünsche befriedigt werden. Und bei den glücklichen 15.000, die ein Gerät ergattert hatten machte sich schnell Ernüchterung breit, weil stundenlang Apples Registrierungsserver nicht erreichbar waren und somit viele Geräte nicht aktiviert werden konnten. Auch Altbesitzer von iPhones die lediglich die neue Betriebssoftware aufspielen wollten hatten plötzlich einen nutzlosen Briefbeschwerer daheim rumliegen. Wer noch dazu Apples neuen Sync-Dienst „mobile me“ abonniert hatte war gänzlich desillusioniert. Bis heute funktioniert der Abgleich von Daten zwischen PC/Mac, dem iPhone und Apples Server nicht fehlerfrei, E-Mails und ganze Adressbücher scheinen verschwunden. Einem kostenpflichtigen Service darf so etwas zum Lauch nicht passieren, im Vergleich dazu arbeitet Googles kostenloses Gmail fast schon 100% zuverlässiger.

Betrachtet man die zum Start verfügbaren 1 Millionen UMTS-iPhones für die bestehenden Länder und die Expansion um 15 weitere, scheint sich Apple vollends blamiert zu haben. Oder aber ist alles ganz anders und Apple durch die künstliche Verknappung mal wieder ein geschickter Marketingcoup um Pressepräsenz gelungen?!