Apple und die Arbeitsbedingungen in China

AppleIn der Apple-Zentrale in Cupertino, Kalifornien, arbeiten zufriedene Menschen. Gern geht man dort zur Arbeit, die Mitarbeiter verdienenvergleichsweise gut. Nicht so in den Fertigungsstätten von iPhone, iPad & Co. in Übersee: Dort tauchen immer neue Skandale um mangelhafte Arbeitsbedingungen und fehlende Sicherheit auf.

In einer Zeit, in der Apple mittlerweile so präsent ist, dass selbst bei den großen Nachrichtenportalen regelmäßig Artikel über die Neuerscheinungen der „Kultmarke Apple“ erscheinen, dringen zwangsläufig auch Informationen über Missstände in den Fabriken der chinesischen und taiwanesischen Zulieferer an die breite Öffentlichkeit.

Jüngstes Beispiel ist das Schicksal der Arbeiterin Wan Qiuying, die bei Wintek für die Reinigung von iPhone-Touchscreens beschäftigt war. Sie hatte sich – wie zahllose andere Arbeiter – mit der Chemikalie n-Hexan vergiftet und war 2009 monatelang zur Behandlung im Krankenhaus. Noch lange nach der Entlassung war sie zu schwach, um eigenständig zu laufen. Heute kann sie wieder arbeiten, teilt allerdings nur noch Atemmasken aus, denn in direkten Kontakt darf sie mit dem Reinigungsmittel nicht mehr kommen.

Bei Wintek werden die Touchscreens mit n-Hexan, einem hochgiftigen Chemieprodukt, desinfiziert und gereinigt, weil es sehr schnell verdunstet. Zwar werden die Arbeiter dort mit Schutzkleidung (Kittel, Atemschutz, Mütze) ausgerüstet, die aber eher die hochempfindliche Technik vor Staub schützt als die Gesundheit der Angestellten vor schwerwiegenden Vergiftungen. Mit Wan erkrankten 2009 über 100 weitere Mitarbeiter durch n-Hexan stark und leiden bis heute an erhöhter Temperatur, Lähmungen oder plötzlichen Schweißausbrüchen.

Zwar veröffentlicht Apple nach diesem und anderen Fällen wie der großen Anzahl von Selbstmorden beim größten Zulieferer Foxconn 2009 und 2010 mittlerweile einen jährlichen Zuliefererbericht. Die erhöhten Kontrollen scheinen die Bedingungen, unter denen die Menschen in Südchina größtenteils ihre Jobs verrichten, jedoch nur zum Teil zu verbessern.

Vor Kurzem erst hat Joel Johnson, Chefredakteur von Gizmodo, für das Wired Magazine die Foxconn-Produktionsstätten in Shenzhen, Guangdong, besucht und in einem umfangreichen Bericht seine Eindrücke wiedergegeben. Die riesige Fabrik, die selbst so groß wie eine Stadt ist, zeigte sich ihm von einer besseren Seite. Nicht nur wird den Arbeitern eine Bleibe zur Verfügung gestellt, auch können sie eine kostenlose psychologische Betreuung in Anspruch nehmen. Um weitere Selbstmorde zu verhindern, befinden sich an allen Gebäuden auf dem Gelände Fangnetze.

Betrachtet man die Umstände, unter denen die Verbesserungen zustande kamen, ist dies allerdings ein schwacher Trost. Viele Arbeiter mussten sterben, viele Proteste die Welt auf die Missstände hinweisen, damit zumindest rudimentäre Bedingungen verbessert wurden. Auch ist davon auszugehen, dass dem Redakteur natürlich nur die beste Seite der Fertigungsstätte präsentiert wurde, so dass von einem wirklich tiefen Einblick in die Arbeitsverhältnisse der Angestellten, die für knapp über 200 Euro im Monat an sieben Tagen in der Woche zehn bis zwölf Stunden am Laufband stehen müssen, nie die Rede sein kann. Nicht ohne Grund gab es noch gegen Ende des vergangenen Jahres neue Informationen darüber, dass die Arbeitsbedingungen sich letztlich nicht verbessert hätten.

Auch das chinesische Institute for Public & Environmental Affairs ist nicht zufrieden mit der Art, wie Apple mit den Zuständen umgeht. Noch im Januar war die Behörde dem Konzern aus Kalifornien vor, noch immer weder sonderlich auf die Umwelt noch auf die Arbeitssicherheit zu achten, sondern sich nur für Preis und Qualität der gefertigten Produkte interessiere.

Steve Wozniak, der Mitgründer von Apple, hat sich kürzlich das Theaterstück „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs” des Künstlers Mike Daisey angesehen, in dem dieser in einem zweistündigen Monolog ethische Fragen zu Apples Verhalten in der Frage zu den Arbeitsbedingungen bei Foxconn und in ganz China aufwirft. Woz war sehr bewegt davon, wie Daisey die Thematik emotionalisiert und die Menschen so auf die Probleme aufmerksam macht. Im Interview mit Jeanne Carstensen vom Bay Citizen merkte er an, dass die Missstände bei der Produktion bei falschem Umgang eine „Gefahr für Apples Zukunft“ werden könnten.

Dennoch: Apple kann und darf nicht allein für die teils katastrophalen Zustände verantwortlich gemacht werden. Gut ist, dass die Skandale durch Apples Verbindungen zu den genannten Firmen und die starke Medienpräsenz des Unternehmens stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. Allein Foxconn jedoch plant, noch in diesem Jahr die kaum vorstellbare Zahl von 1,3 Millionen Arbeitern zu beschäftigen – die neben Apple auch für viele andere große Technologieunternehmen fertigen. All diese Firmen stehen in derselben Verantwortung, die nicht zuletzt auch die Chefs der chinesischen Fabriken übernehmen müssen.

Letztlich sind die Fertigungsstätten von Foxconn und Wintek sicher nicht die einzigen, in denen schlechte Arbeitsbedingungen und ungenügender Schutz vor bei der Produktion verwendeten Giftstoffen zum Alltag gehören und die Löhne selbst für dortige Verhältnisse noch unter dem Durchschnitt liegen.

Mehr über mz:

Mac-User und Fernostexperte, gelten Max’ Interessen neben den Geräten und Programmen aus Cupertino auch der Situation in Japan, China, Korea und anderen weiter entfernteren Ländern, in denen Apple-Hardware nicht nur begeistert genutzt, sondern auch zu weiten Teilen hergestellt wird.

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  • Geschrieben am: 6. März 2011
  • Zuletzt aktualisiert am: 6. März 2011
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