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rj, den 23. Januar 2009

O Zeiten, o Sitten: Wie waren sie beim Mac-Erfinden?

Apple Macintosh
Apple Macintosh, Bild: CC0

Der 24. Januar gilt als offizieller Geburtstag des Macintosh, als „Geburtsjahr“ scheint dagegen 1983 eher geeignet – in diesem Jahr wurde der Rechner fertig entwickelt, der Anfang 1984 seinen Siegeszug antrat. Anlässlich des heutigen 25. Mac-Geburtstags wollen wir auch einen Blick auf dieses „Geburtsjahr“ werfen, in dessen Verlauf das damalige Entwicklerteam seinen Geniestreich zur Marktreife brachte. Es mag vom Standpunkt abhängen, ob man in Anbetracht der Rahmenbedingungen und Ereignisse 1983 die Leistungen der Macintosh-Entwickler vielleicht noch etwas höher achten mag.

Was verband man mit Rechnern zu der Zeit? Die Spaltung zwischen Spielcomputern und richtigem Arbeitsgerät durchzog noch die Modelllandschaft. Während Commodore und Atari die Spielzimmer eroberten, setzte der IBM-PC zu seinem Siegeszug an, dessen Beginn man erst später so richtig erkannte: die ersten „Kompatiblen“, PC-Nachbauten aus Fernost, kamen auf den Markt. IBM versuchte, gegen den überaus erfolgreichen Apple II eigene günstige Heim-Modelle zu etablieren und begann 1983, Festplatten in seinen XTs zu verbauen. Und im Herbst kam die Version 1.0 eines weiteren, langjährigen Rivalen des Apple-Lagers heraus: Windows erschien und konnte in Sachen Benutzerfreundlichkeit noch nicht so richtig gegen Apple punkten.

In Deutschland war 1983 in Bezug auf den computertechnologischen Fortschritt nicht unbedingt eines der Jubeljahre. Eine Volkszählung sollte durchgeführt werden. Die angesichts des am Horizont heraufdämmernden Orwell-Jahrs 1984 damals noch sensibilisierte Bevölkerung protestierte, 1983 kam es dadurch nur zu einem Urteil des Bundesverfassungsgericht, die Zählung folgte vier Jahre verspätet. Rechnertechnisch war in Deutschland in Bezug auf den Massenmarkt der C64 das Maß aller Dinge. Ansonsten war alles offen – welche Plattformen sich durchsetzen würden, sollte sich erst einige Jahre später herausstellen. Spieleklassiker wie Jumpman oder Lode Runner erschienen 1983 für den Atari 800, der „Joystick-Killer“ Decathlon für C64 und Atari 2600, Blue Max, eines der ersten in Deutschland indizierten Spiele ebenso für C64 und andere. Die Marktbeherrschung durch einige „Big Player“ lag noch in weiter Ferne.

Während die ersten Debatten durch die Feuilletons geisterten, ob Lo-Fi-Pixelexplosionen in sechzehn Farben die Jugend gefährden, lernte in den Kinos ein Rechner namens WOPR, dass der einzige Gewinnzug im Spiel „Weltweiter thermonuklearer Krieg“ derjenige sei, das Spiel nicht zu eröffnen. „War Games“ lief im gleichen Jahr an, als im sogenannten „Internet“ die neuen Protokolle TCP/IP das Network Control Protocol NCP ablösten und in dem sich die verwegeneren Computernutzer in Deutschland noch über von der deutschen Bundespost nicht zugelassene und damit illegale „Modems“ in die Mailboxen einwählten.

Der jugendliche Held aus „War Games“ nutzte noch einen Akustikkoppler, der im Film zu erstaunlichen Leistungen in Sachen Datenübertragung fähig war. Auch wenn der nukleare Weltuntergang ausblieb – die Stimmung gegenüber dem Computer als solchem war von einigem Misstrauen geprägt, ob er nun als Kontroll- oder Weltuntergangsmaschine, als Bedrohung aus dem Kinderzimmer oder schlicht als kryptisches und kompliziertes Gerät wahrgenommen wurde.

Die Nerdfraktion hielt sich kulturtechnisch seinerzeit an die 1983 angelaufene „Rückkehr der Jedi-Ritter“, in der im Unterschied zum zweiten Teil der Star Wars-Saga immerhin die Technologie nicht mehr so häufig versagte. Ansonsten war das Kinojahr 1983 nur bedingt rechneraffin: „Flashdance“ oder „Staying Alive“ zogen die Massen in die Kinos. Schöne Dinge gab es glücklicherweise auch: im Vorjahr erschien der zweite Band der fünfbändigen Trilogie „Per Anhalter durch de Galaxis“, Band drei sollte im Macintosh-Jahr 1984 folgen, zusammen mit einem weiteren Meilenstein der Nerdliteratur, William Gibsons „Neuromancer“. Musikalisch feierte in Deutschland die Neue Deutsche Welle ihre Hochzeiten, die US-Charts wurden weitgehend im Alleingang von Michael Jackson und The Police bestritten.

Neben all diesen popkulturellen Ereignissen, Irrungen und Wirrungen (je nach Standpunkt), während die Welt sich Sorgen machte um eine rätselhafte Seuche namens AIDS oder den NATO-Doppelbeschluss und in Deutschland stationierte Pershing II-Raketen, arbeiteten einige Ingenieure daran, einen Rechner mit einer revolutionären GUI und 128 KB Arbeitsspeicher auszustatten. Der Macintosh wurde zum Meilenstein in der Computergeschichte.

Heute sind die Probleme irgendwie anders, aber auch irgendwie ähnlich – die Debatten um Klimakatastrophe, Finanzkrise und Terrorismus beherrschen das Tagesgeschehen, während ein gewisser Macnotes-Admin rätselt, wann iTunes-Bibliotheken über die inzwischen sieben Terabyte Festplattenkapazität gesplittet werden können, die sich in und um seinen iMac angesammelt haben. Zumindest für diese Sorge wird wahrscheinlich irgendwann eine innovative Lösung aus Cupertino kommen – das erste Mal wäre es nicht.


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