Alexander Trust, den 26. November 2012

Das Bloggermärchen: Megaupload-Aus Schuld an Ebbe an den Kinokassen?

Kim DotCom, Steve Wozniak, Ira Rothken
Von links nach rechts: Kim DotCom, Steve Wozniak, Ira Rothken, Foto: Kim DotCom

Es gibt eine Studie. Winzige Teile davon wurden nun in Form eines „Paper“ publik. Megaupload und die Filmindustrie respektive die Umsätze der Kinobetreiber werden darin genannt. Es wird eher vorsichtig eine These von Wissenschaftlern der Münchener Ludwig-Maximillians-Universität (LMU) und der Kopenhagen Business School formuliert, dass die Schließung von Megaupload einen negativen Effekt hatte. Ärgerlich ist neben der unreflektierten Berichterstattung, die teils nachweislich falsche.

Das Paper kann sich jeder im Internet herunterladen (engl.). Es umfasst drei Seiten. Bei Caschy wird darauf nicht hingewiesen. Trotzdem formuliert Casi leider, dass „die Ergebnisse belegen, dass es lediglich die großen Blockbuster sind, die von der Schließung Megauploads profitieren können. Bei kleineren Unternehmen sind die Einnahmen durch Kinogänger sogar eingebrochen seitdem.“

Diese Behauptung ist sehr weit von der Realität entfernt. Zum einen haben die Betriebswirtschaftler lediglich „Filme“ und deren Umsatz an Kinokassen untersucht, können also gar keine Aussagen zu irgendwelchen Unternehmen treffen. Das allerdings ist vielleicht nur unglücklich formuliert. Geschenkt. Problematisch ist die Aussage trotzdem, denn so viele Vorurteile es gegenüber Filesharing gibt, so selten wird tatsächlich richtig argumentiert. Das ist mehr als schade.

Futurezone, das Casi als Quelle verlinkt, weist seinerseits zwar auf das Paper zur Studie hin, doch werden die Aussagen daraus dort ebenfalls unreflektiert wiedergegeben. Schuld ist eventuell der Faktor Zeit, der den Redakteur dazu veranlasste, die Informationen lediglich zusammenzufassen, von dort, wo er sie vorfand, bei Torrentfreak (engl.). Selbst dort wird über Vieles hinweggesehen, das den Wert der Studie einschränkt.

Was ist die Studie Wert?

Peukert und Claußen leiten ihr Paper mit den Worten ein, dass sie ein Quasi-Experiment unternommen hätten. Das ist ein technischer Term aus der (Sozial-)Wissenschaft, der vorab eine Menge über den Wert der Ergebnisse aussagt. Gegenüber echten, respektive randomisierten Experimenten gibt es die Einschränkung, dass Versuchspersonen (oder Objekte) vorher anhand von Kriterien festgelegt werden, und nicht zufällig ausgewählt. Auf diese Weise lassen sich leicht Zusammenhänge zwischen vorher festgelegten Größen herausfinden, jedoch keine Aussagen treffen über Ursache und Wirkung (Kausalzusammenhang). Gerade das „zufällige“ Untersuchungsdesign kann Ergebnisse erzeugen, die als Störfaktoren Hinweise auf den Zusammenhang der Größen geben können. Einfach formuliert: Wer Quasi-Experimente durchführt, nimmt in Kauf, dass er nur das sieht, was er sehen will.
Spätestens also nach der Lektüre des ersten Satzes aus dem Paper hätten alle, die über das Thema geschrieben haben, sich bewusst sein können, dass die Aussagekraft geringer sein könnte als erhofft, und der gewünschte, formulierte Zusammenhang „rein theoretisch“ besteht und „nicht überprüft“ werden kann.

Warum Megaupload?

Das Paper wirft allerdings noch weitere Fragen auf, und zwar heißt es darin bspw.:

„Megaupload has been one of the most popular file hosting services worldwide (self-reportedly) accounting for 4% of the entire internet traffic.“
Peukert, Christian u. Claußen, Jörg

Was die Akademiker in Klammern schreiben, hätte man eigentlich „fett“ hervorheben müssen. Der Grund, warum sie sich Megaupload als Untersuchungsobjekt ausgewählt haben, liegt an dessen vermeintlicher Beliebtheit. Allerdings vertraute man dabei auf die „eigene Aussage“ des One-Click-Hosters. Es ist nicht belegt, ob Megaupload tatsächlich so viel Traffic erzeugt hat. An dieser Stelle muss man eigentlich Megaupload selbst unter die Lupe nehmen. Je niedriger die effektive Reichweite, und sei es regional, ausfällt, desto geringer muss auch der von Peukert und Claußen behauptete Zusammenhang ausfallen. Angenommen Italien gehörte mit zu den 49 Ländern, für die die Akademiker diese Aussage formulieren: Was aber, wenn in Italien Megaupload gar keine große Rolle gespielt hat?

Falsche Berichterstattung

Ärgerlich ist daneben außerdem die falsche Berichterstattung, die die Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial verschleiert: Casi schreibt, dass an der LMU und der Kopenhagen Business School „(f)ünf Jahre lang“ die Einspiel-Ergebnisse von mehr als 1300 Filmen in 49 Ländern „in die Untersuchung“ eingeflossen sind. Das stimmt nicht! Der Leser denkt im ersten Moment: Wow, da hat jemand 5 Jahre geforscht, das ist bestimmt seriös. Tatsächlich haben die Betriebswirtschafts-Wissenschaftler lediglich vorhandene Daten von 1344 Filmen aus 49 Ländern aus dem Zeitraum 2007 (KW 31) bis 2012 (KW 35) „ausgewertet“, wie sie in ihrem Paper schreiben.

„We use weekly data from 1344 movies in 49 countries spanning from 2007w31 to 2012w35.“
Peukert, Christian u. Claußen, Jörg

Nur leider ist Casi nicht der einzige, der diese falsche Behauptung formuliert. Matthias Huber von der Süddeutschen formulierte, dass die Filme „über einen Zeitraum von fünf Jahren beobachtet“ wurden. Das wurden sie nicht, Herr Huber. Man hat lediglich Daten aus 5 Jahren ausgewertet. Die Studie, die sicherlich mit Hilfe von Computern Ergebnisse berechnete, hat selbst vielleicht ein paar Monate Zeit in Anspruch genommen, oder nicht einmal das. Darüber wird in dem Paper keine Aussage getroffen. Sicherlich hat das Ausdenken einer Versuchsanordnung und das Programmieren einer Schnittstelle, um das Datenmaterial entsprechend für ein Statistiktool aufzubereiten, länger gedauert, als die Berechnung durch den Computer. Bei Gulli wird es etwas anders dargestellt, doch auch Sener Dincer übernimmt die Behauptung aus dem Paper, Megaupload sorge für geringere Einnahmen an den Kinokassen, als handele es sich dabei um eine Wahrheit.

Datenbestand fragwürdig?

Wo haben die „Akademiker“ ihre Daten eigentlich her? Sie haben sie nicht etwa selbst erhoben, sondern sich bei Boxofficemojo.com bedient, einem kommerziellen Anbieter.

Zunächst einmal sei erwähnt, dass Boxofficemojo mittlerweile zwar international aufgestellt ist, doch immer noch vorwiegend die USA und Kanada auswertet. Abzulesen ist dies an folgendem Satz:

„All grosses published reflect domestic earnings, i.e., United States and Canada, unless otherwise noted.“
Boxofficemojo

Außer wenn es nicht anders notiert wird, werden die Kinoumsätze für die USA und Kanada angegeben. Diese Information, und der Hinweis darauf, wie man an selbige kommt, sind online für jeden einsehbar. Wir können einerseits hoffen, dass Peukert und Claußen also für alle 1344 Filme über den Zeitraum, den sie ausgewertet haben, einen vergleichbaren Datensatz hatten, und nicht etwa für einige Filme in manchen Ländern Lücken vorhanden waren, die die Ergebnisse negativ beeinflussten.
Man ist geneigt zu sagen: Das sind Wissenschaftler, die werden schon wissen, was sie tun. Nur wenn man sich darauf verlässt, muss man sich nicht wundern, wenn irgendwann Veröffentlichungen erfolgen, die das Gegenteil behaupten und so gar nicht zu diesen Ergebnissen passen wollen.

Andererseits ist schon das Datenmaterial selbst höchst fragwürdig, akzeptiert es doch die Approximation.

„Calendar Grosses are based on daily box office receipts or, when daily data is not available, estimates are used and are based on weekend and weekly data and historical box office trends. In cases where a final reported gross is different from its last reported gross for a given movie, the difference is assigned to the two weeks after the last reported gross date. In most cases, this reflects receipts that have trickled in after a movie has stopped being tracked for reportage. Since box office has been more closely tracked in recent years, the calendar gross data is generally considered more comprehensive after 2001, while pre-2001 estimates are considered approximate. Accuracy of calendar grosses improves over a wider range of time viewed.“
Boxofficemojo

Wenn für einen Tag keine Daten vorliegen, werden „Näherungswerte“ verwendet, die anhand von wöchentlichen Daten erzeugt werden, und „historischen Trends“. Kommt es zu Unterschieden mit später veröffentlichten Abschlussreports, wird die Differenz auf die zwei Wochen umgelegt, nach denen der letzte Report eingegangen ist.
Interessant ist die Aussage, dass Daten der Kinobetreiber aus den Anfängen von Boxofficemojo nicht ausführlich verfolgt wurden, und es sich lediglich um Näherungswerte handele. Für die Zeit „nach“ 2001 seien die Daten aber „umfangreicher“ (more comprehensive). Die Zuverlässigkeit der beobachteten Daten würde umso genauer, je größer der Zeitraum ist, den man betrachtet, heißt es dann noch. Wenn man noch außer Acht lässt, dass vielleicht falsche oder geschönte Daten von den Kinobetreibern weitergegeben werden, und dass man nicht weiß, von wie viel Prozent der Kinobetreiber überhaupt Daten vorliegen, dann fragt man sich, warum Wissenschaftler überhaupt versuchen anhand eines solchen Datenmaterials Untersuchungen anzustellen.

Bloggermärchen?

In meiner Wahl der Überschrift bin ich deshalb zum Bloggermärchen gekommen, da neben den bereits verlinkten Schreibern zum Beispiel auch „The Next Web“ diese Aussage unhinterfragt übernommen hat. Einzig Mike Epstein von den Kollegen von Geekosystem merkt an, dass der Zusammenhang, der konstruiert wird, lose ist, und viele Dinge außer Acht lässt. Denn Kino als solches steht nicht dafür in den letzten Jahren immer mehr Zuschauer angelockt zu haben, sondern muss damit leben, dass sich Zuschauer schon seit geraumer Zeit anderen Unterhaltungsformen zuwenden. Es könnte also genauso gut gar nichts mit Megaupload zu tun haben. Das wird aber verschwiegen.

Letztlich ist der Wert der Studie (des Quasi-Experiments) von Peukert und Claußen mit Skepsis zu betrachten. Nicht, weil ich nicht denke, dass sie in der Behauptung, dass Filesharing per se einen Netzwerk-Effekt ausübt, vielleicht sogar Recht haben, sondern weil ihre Argumentation der Sache absolut nicht hilfreich ist.


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